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Schlafen, schreien, frei erziehen ...

 

Auch ich bin nach der Geburt meines Sohnes Gregor (jetzt 2) auf die Modemeinung des freien Willens des Kindes, wie ich es nennen möchte, hereingefallen. Ein Kind wird schon zeigen, was es will und braucht, dachte ich. Gregor schrie, kaum dass bei mir die Milch eingeschossen war. Er war dazu noch ein Winterkind, so dass ich das Stillen schnell wieder aufgegeben habe, da ich mich nicht mehr traute irgendetwas zu essen, es könnte ja Blähungen verursachen. Im Winter gibt es halt immer noch eher das typische Wintergemüse, und das ist bekannt für Blähungen. Heute weiß ich, dass die Blähungen vom Schreien kamen. Und das Schreien kam ursprünglich wahrscheinlich von einer Überreizung. Ein Teufelskreis. Es gibt eben solche Kinder.

Gregor schlief von Anfang an maximal 8 von 24 Stunden. An guten Tagen schrie er 6 Stunden. Wir waren drauf und dran, ihn in ein Weidenkörbchen in den Fluss vor unserem Haus auszusetzen. Nach Stunden von Dauergeschrei in einer ohrenklingelnden Frequenz hat man manchmal solche Gedanken. Gemildert hat nur Rumtragen auf Papas Arm – im Laufschritt oder auf dem Sitzball – und Ohropax.

Nach drei Monaten gaben wir Gregor für 10 Tage zu seiner Oma und Tante. Danach war es für uns deutlich besser geworden, für Außenstehende schrie er noch immer viel, war schwer zu beruhigen und schlief wenig und unregelmäßig. Damals haben wir die Besserung auf die Drei-Monats-Kolliken zurückgeschoben. Die drei Monate waren ja um. Heute sehe ich das anders. Seine Oma und Tante wohnen auf dem Lande auf einem Bauernhof mit ganz festen Regeln und Tagesabläufen.

Nach einem Jahr hatte sich Gregor daran gewöhnt, mit Flasche auf dem Arm von Mama oder Papa so zwischen 23:00 und 1:30 Uhr einzuschlafen. Gegen 4:00 Uhr wachte er noch mal auf und verlangte nach der Milchflache. Nachmittags oder vormittags schlief er meistens zwischen 20 Minuten und drei Stunden, manchmal auch vormittags und nachmittags. Ich legte mir dann auch das Buch von Annette Kast-Zahn »Jedes Kind kann schlafen lernen« zu. Nach 4 Tagen schlief Gregor ohne Flasche von 20:00 bis 8:00 Uhr und von 13:00 bis 14:30 Uhr, manchmal bis 15:00 Uhr. Durch. Nicht nur wir Eltern waren entspannter, auch Gregor war es und ist es bis heute. Er war nicht mehr quengelig und gereizt und fing an, sich auf Dinge zu konzentrieren. Solange das ein Kleinkind macht. Aber vorher war ihm einfach alles zu viel.

Gregor war zunächst ein Jahr bei einer Tagesmutter, jetzt geht er seit drei Monaten in eine Krippe mit festen Tagesabläufen. Man merkt ihm sein Wohlergehen an. Wenn wir am Wochenende mal aus dem Rhythmus kommen, weil wir Besuch haben oder wohin fahren, wird er gleich wieder gereizt. Seit Wochen will er nur das eine Buch vorgelesen haben, mit »seiner« Gabel essen und die Reihenfolge von Zähneputzen, Klo gehen, Schlafanzug anziehen, Schlafsack anziehen, Geschichte vorlesen, Küsschen und ins Bett darf auf keinen Fall geändert werden. Manche Kinder brauchen einfach feste Strukturen, die ihnen gegeben werden. Sie können sie sich nicht selbst schaffen.

Im Moment bin ich auf der Suche nach einem Kindergarten. Der nächste, der eigentlich für Gregor in Frage käme, verfolgt das Prinzip »offener Kindergarten«, d.h. die Kinder können beliebig zwischen den Gruppenräumen hin und her. Sie können selbst entscheiden, an welchen Aktivitäten sie teilnehmen möchten, und essen können sie auch, wann sie wollen. Ich bezweifle, dass diese Form Gregors Bedürfnissen nach Struktur und Ordnung gerecht wird.

Mittlerweile werde ich meinem Sohn gerecht. Wenn ihn »Unordnung« aus der Bahn wirft, sind seine Eltern für ihn da und schaffen ihm wieder »seine« Ordnung. Das hat nichts mit Strenge zu tun. Regeln kann man auch durch Liebe und Zuneigung schaffen. Vor allem kann er uns vertrauen. Wenn er doch mal weint, krank ist oder nachts schlecht träumt, sind wir da. Bei uns ist immer Platz und Zeit für einen kräftigen Hug, für kuscheln und schmusen. Aber eben auch für persönliche Freiräume und Eigenheiten – auch für Gregors.

Verena Hellfritsch

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© 2001 Verena Hellfritsch