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Der deutsche Titel der 2002 erschienenen englischen Originalausgabe »The Farmer and the Obstetrician« ist gemessen am Inhalt des Buches unglücklich gewählt. Die von dem bekannten
Geburtshelfer und Autoren Michel Odent dargelegten Gedanken zu »Ansätzen einer sanften Geburt« stehen weniger im Mittelpunkt dieses Werkes als vielmehr umfassende sowie kritische Betrachtungen der im 20.
Jahrhundert zu ihrem Höhepunkt gelangten Geschichte industrialisierten Gebärens und industrialisierter Landwirtschaft.
Michel Odent widmet sich kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen, ihren Entwicklungen und daraus resultierenden Analogien im Umgang mit naturgegebenen Gesetzen. Während jüngste
Katastrophen wie BSE und Maul- und Klauenseuche zum Nachdenken zwangen, müsse die Aufmerksamkeit im gleichen Zuge dem industrialisierten Gebären mit seinen lebensfeindlichen Folgen gelten.
»Bis zum Ende des 20. Jahrhundertes wiesen die industrialisierte Landwirtschaft und das industrialisierte Gebären starke Parallelen auf, die augenfälliger waren als die Unterschiede. Seit
Beginn des neuen Jahrtausends ist das anders geworden. Der Hauptunterschied liegt darin, dass sich im Fall der Landwirtschaft durch eine Serie von Katastrophen ein neues Bewusstsein gebildet hat. Die
Geschichte der Geburt ist noch nicht in dieses Stadium eingetreten. Welche Katastrophe rollt da also möglicherweise auf uns zu?« (S. 71)
Dass eine solche Katastrophe längst ihre zerstörerischen Ausläufer offenbart, erläutert Odent mit Hilfe plausibler Beispiele:
»Auf Reisen vertraue ich einigen Faustregeln, die ich mir zurechtgelegt habe. Wenn ich in eine fremde Stadt komme, muss ich einschätzen können, wie sicher ich mich dort fühlen kann. Kann
ich nach Sonnenuntergang noch unbesorgt durch die Straßen gehen? Weil verlässliche Kriminalitätsstatistiken nicht leicht zu bekommen sind, schaue ich mir einfach die Geburtsstatistiken der Gegend an.
Nach meiner Erfahrung hängt nämlich die Kriminalitätsquote mit dem Ausmaß medizinischer Interventionen bei Geburten zusammen. Das heißt, in São Paulo, Mexico City, Rom oder Athen, wo die
Kaiserschnittquoten astronomische Höhen erreichen, bin ich äußerst vorsichtig. In Tokio, Stockholm oder Amsterdam dagegen, wo es vergleichsweise wenige medizinische Interventionen bei Entbindungen
gibt, bewege ich mich unbefangener. Städte wie London, Paris, Frankfurt oder Sydney liegen nach meiner Faustregel dazwischen.« (S. 71)
Doch geht es Odent nicht nur um für äußerste Notfälle durchaus lebensrettende medizinische Eingriffe wie den Kaiserschnitt, sondern generell um die Rückbesinnung gebärender Frauen auf ihre
ureigenen körperlichen Fähigkeiten und Instinkte, die bereits durch die Anwesenheit einer fremden Person gehemmt werden können.
Während das ökologische System aus dem Gleichgewicht geraten ist, indem der Mensch »Gott« spielte, verlor die gebärende Frau ihre innere Ausgeglichenheit und Liebesfähigkeit.
Für einigen Wirbel dürfte Odents Hinweis sorgen, dass bei der Geburt anwesende Väter störend wirken. Zurückhaltend wäre ich mit der möglichen Schlussfolgerung solcher Beobachtungen, wenn sie
dazu tendiert, die Väter aus den Geburtszimmern zu vertreiben. In wie weit eine Frau sich in der Gegenwart ihres Mannes geborgen fühlt bzw. der Mann seine Frau sich selbst zu überlassen fähig ist, sollte
als partnerschaftliches Problem bereits fern des Elternwerdens thematisiert werden, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Liegen die Wurzeln der Missachtung natürlicher Gesetze nicht vor allem in einer
Entfremdung zwischen Mann und Frau und den bis heute gepflegten Klischees Männer UND Frauen diskriminierender Geschlechtertypisierungen?
Gemäß seinen beruflichen Erfahrungen richtet Odent den Fokus seiner Betrachtungen auf die Geburt sowie pränatale Einflüsse, Gefahr laufend, die feinen Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen
fern des Elternseins zu vernachlässigen. Nicht selten setzen sich Frauen unter enormen Erfolgsdruck in dem Bewusstsein der lebenslänglichen Prägung von Schwangerschaft und Geburt auf ihr Kind, um auf
diesen Wegen zu erreichen, was sie mit Hilfe rationaler Kontrolle um jeden Preis zu verhindern suchen: eine Überbetonung des Verstandes zu Ungunsten ihrer lebendigen seelischen Bewegtheit.
Polarisierungen, Bewegungen und Gegenbewegungen bestimmen unser tägliches Leben. Die großen und kleinen zwischenmenschlichen Kriege finden in der Art des Gebärens ihren Ausdruck: dem
»Kinderkriegen«. Um die Ursachen dieser Kriege zu ergründen, bedarf es einer Hinwendung zum inneren Kind in jedem von uns, ob Vater oder Mutter, Mann oder Frau, jung oder alt. Die von Odent geforderte
Wahrung der Intimsphäre sollte nicht nur einer gebärenden Frau, sondern jedem lebendigen Wesen zugestanden werden, verbunden mit gegenseitiger Rücksichtnahme und sensiblem Umgang mit fremden
Vorstellungen zu Gunsten eines geschützten Raumes für geheime Empfindungen.
Jutta Riedel-Henck, 4. August 2004
siehe auch:
Oxytocin – Das Liebeshormon
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© 2004 by Jutta Riedel-Henck
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