trostbanner12
Info-Schrift
Schlafen
Psyche
Weinen
Liebe
Tragen
Pucken
Musik
Körperpsych.
Osteopathie
CSIR
Rota Therapie
Forschung
Sonstige Tipps

Info-Schrift

 

Jetzt auch als Hörbuch
Trostreich-Hoerbuch-Cover-200
Jutta Riedel-Henck
Trostreich
Erste Hilfe für Schreibabys
und ihre Eltern


Sprecherin: Jutta Riedel-Henck
Format: MP3 128kbps download
Spielzeit: 58 min
Kompost-Verlag, Oktober 2006

6,00 €
zum Download-Shop

Jetzt auch als Audio-CD für 12 €
Versandkostenfreie Lieferung innerhalb Deutschlands

        Das Erste-Hilfe-Hörbuch bietet einen umfassenden
        Einblick in die Problematik des übermäßig schreienden
        Säuglings unter Berücksichtigung des Zeitmangels
        betroffener Familien. Traditionelle Schlaflieder wurden
        ebenso in diese Produktion für die Ohren integriert wie
        Klänge und Geräuschkulissen.

        Mehr Infos zum Hörbuch

              lautspr01

Liebe Leser/innen,

diese Schrift ist kein wissenschaftliches Werk, die darin aufgeführten Anregungen sind speziell für den Umgang mit unruhigen, wenig schlafenden, übermäßig schreienden Säuglingen gedacht und ersetzen selbstverständlich keine Erziehungsratgeber sowie die eigenständige kritische Auseinandersetzung mit der Fülle von verfügbaren Informationen rund um den Umgang mit Säuglingen.

Ideologische Ratschläge sind in keinem Fall beabsichtigt! Bitte quälen Sie sich also nicht unnötig mit einem schlechten Gewissen, wenn Sie dieses und jenes anders handhaben bzw. eine abweichende Meinung vertreten. Das Leben findet nicht im Buch (bzw. Internet) statt, sondern in Ihrem Heim!

Alles Gute wünscht mit herzlichen Grüßen

Jutta Riedel-Henck (7. November 2006)

 


Informationen für Eltern, deren Babys während des
ersten Lebensjahres übermäßig viel schreien

von Jutta Riedel-Henck

Inhalt

Vorwort
Einleitung
Dreimonatskoliken
Warum schreit Ihr Baby?
Besuch beim Kinderarzt
Das Führen eines Tagebuches
Die Beruhigung Ihres schreienden Babys
Klänge und Geräusche
Rhythmische Bewegungen
Das Tragen von Säuglingen
Weitere Möglichkeiten zur Beruhigung
Medikamente
Naturheilmittel
Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Allergien
Wenn Sie in Panik geraten
Hilfe annehmen und organisieren
Irgendwie wird es weitergehen
Zu mir und meinen persönlichen Erfahrungen
Quellen

 

Vorwort

Seitenanfang

Meine Tochter war acht Monate alt, als ich mich zu einem Buchprojekt entschloss, das 1998 unter dem Titel Weinendes Baby – ratlose Eltern. Wie Sie sich und Ihrem »Schrei-Baby« helfen können (München: Kösel-Verlag) veröffentlicht wurde. Über verschiedene Elternzeitschriften rief ich betroffene Eltern dazu auf, mir von Erfahrungen mit ihren übermäßig schreienden Babys zu berichten. Die Resonanz war umwerfend und trug dazu bei, dass ich mit vollem Elan an der Verwirklichung meines Vorhabens arbeitete.

Die vorliegende »Erste-Hilfe-Broschüre« habe ich verfasst, um Familien mit Schreibabys und allen, die mit dieser Problematik zu tun haben, einen schnellen Einblick zu ermöglichen. Ich hoffe, dass es mir trotz der Kürze gelungen ist, das Wesentliche im Umgang mit übermäßig schreienden Säuglingen zu beschreiben, und bitte zu bedenken, dass auch ich mich in einem steten Lernprozess befinde und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe.

 

Einleitung

Seitenanfang

Eltern von Babys, die untröstlich schreien, obwohl Grundbedürfnisse wie Hunger, menschliche Nähe usw. ausreichend beantwortet wurden, begegnen einer Reihe von Vorurteilen. So werden z. B. Blähungen oder Koliken für das unerklärliche Schreien verantwortlich gemacht, obwohl bis heute nicht nachgewiesen werden konnte, dass diese tatsächlich Ursache für das Schreien sind. Da ein schreiendes Baby Luft schluckt, können Blähungen auch eine Folgeerscheinung des Schreiens sein.

Entblähende oder schmerzlindernde Medikamente führen nur selten zur Beruhigung eines untröstlich schreienden Babys. Viel eher bewirken rhythmische Bewegungen, Klänge und Geräusche, dass ein Baby sein Schreien unterbricht oder sogar einschläft. So werden heute weniger Verdauungsstörungen und Schmerzen als Ursache für übermäßiges Schreien vermutet. Einem untröstlich schreienden Baby scheint es schwer zu fallen, aus eigener Kraft abzuschalten und einen geregelten Schlaf-Wach-Rhythmus zu entwickeln. Es benötigt mehr als andere die Unterstützung seiner Eltern, die durch einen klar strukturierten Tagesablauf Orientierungshilfen schaffen. Wiederkehrende Rhythmen sind hierbei von grundlegender Bedeutung.

Babys sind von Lebensbeginn an individuelle Persönlichkeiten mit ganz speziellen Bedürfnissen. Entsprechend gibt es keine Patentrezepte für ihre Behandlung.

Übermäßig schreiende Säuglinge fordern ihre Eltern oft rund um die Uhr heraus, unterschiedlichste Maßnahmen zu ihrer Beruhigung auszuprobieren. In besonders schweren Fällen schreit das Baby nach wie vor, und seine Eltern geraten körperlich und seelisch ans Ende ihrer Kräfte. Überreizt, übermüdet und der unüberhörbaren Unruhe ihres Babys ausgeliefert entwickeln sie Gefühle zwischen totaler Verzweiflung, Hilflosigkeit, Wut, Hass, Trauer und Schuld. Dabei liegt auf der Hand, dass Nervosität Folge und weniger Ursache des übermäßigen Schreiens ist. Es fällt schwer, dem Kreislauf zwischen kindlicher, mütterlicher und familiärer Unruhe zu entrinnen.

 

  • Wenn ein Baby häufig über längere Zeit ohne erkennbaren Grund schreit, wird meist angenommen, dass es unter schmerzhaften Verdauungsstörungen, Blähungen bzw. Koliken leidet. Blähungen können jedoch auch Folge des Schreiens sein, bei dem das Baby große Mengen Luft geschluckt hat. Um Missverständnissen vorzubeugen, wird daher im allgemeinen von »übermäßigem Schreien«, »Schreibaby« oder »chronischer Unruhe« gesprochen.
  • Untersuchungen haben ergeben, dass Säuglinge während der ersten drei Lebensmonate durchschnittlich zwei Stunden am Tag schreien. Bis zum Alter von sechs Wochen nimmt die Schreidauer zu (etwa 2 ½ Stunden täglich) und fällt bis zum Alter von vier Monaten auf insgesamt eine Stunde am Tag. (Wolke, 155-158)

 

Dreimonatskoliken

Seitenanfang

Wahrscheinlich sind inzwischen eine Menge unbrauchbarer Ratschläge auf Sie eingeprasselt, oder Sie wurden damit vertröstet, dass nach drei Monaten alles vorbei wäre. Der Begriff Dreimonatskoliken ist im Zusammenhang mit übermäßig schreienden Säuglingen ebenso irreführend wie die Bezeichnung Koliken.

Viele Babys schreien im Verlauf des dritten Lebensmonates deutlich weniger als zuvor, und in einigen Fällen kommt es sogar zu einem schlagartigen Verschwinden der ständigen Unruhe. Dennoch gibt es auch Eltern, die vergebens auf eine solche Wende gewartet haben. Unabhängig davon, wie lange es bei Ihnen dauern mag, hilft es kaum, sich auf einen Termin zu versteifen und darauf zu hoffen, dass das Problem von alleine verschwindet. Das Schreien Ihres Babys wird Sie ohnehin so durchdringen, dass jede Minute, jede Stunde, jeder Tag unendlich quälend erscheint. Sie müssen heute einen Weg finden, um mit Ihrem außergewöhnlichen Baby fertig zu werden. Wie lange es dann letztendlich dauert, bis das Schreien Ihres Babys sich »normalisiert« hat, ist von nebensächlicher Bedeutung.

 

Warum schreit Ihr Baby?

Seitenanfang

Das Schreien eines Babys wirkt auf die meisten Erwachsenen, sofern sie ihre Sinne noch nicht zugeschüttet haben, wie ein Alarmsignal. Ob Ihr Baby schreit, weil es Hunger hat, friert oder überhitzt ist, sich einsam fühlt oder zu vielen Reizen ausgesetzt ist, werden Sie leicht herausfinden können. Das hungrige Baby beruhigt sich, wenn es gestillt oder gefüttert wird, das einsame, wenn Sie es hochnehmen usw. Schreit Ihr Baby aber, nachdem Sie alle möglichen Bedürfnisse in Betracht gezogen und entsprechend beantwortet haben, befürchten Sie vielleicht, es könnte unter Schmerzen leiden. Viele Eltern suchen deshalb einen Kinderarzt auf, von dessen Besuch Sie häufig enttäuscht zurückkehren. Dieser hat ihnen vielleicht erklärt, dass ihr Baby völlig gesund sei und prächtig gedeihe, dass es »nur« unter den verbreiteten Blähungen oder Dreimonatskoliken leide. Damit werden jedoch Schmerzen als Ursache für das unerklärliche Schreien unterstellt. Wer ein untröstlich schreiendes Baby erlebt hat, wird dem leicht Glauben schenken können, denn es schreit tatsächlich, als ginge es um Leben und Tod. Ihr Baby hat am Anfang noch keine andere Möglichkeit, Ihnen mitzuteilen, wenn es sich unwohl fühlt. Jedes Anliegen ist für ein Neugeborenes von existentieller Bedeutung. Es lebt in völliger Abhängigkeit von seinen Eltern (bzw. anderen Bezugspersonen), die ihm unmöglich jedes Bedürfnis »von den Lippen ablesen« können. Die Verständigung muss erst geübt werden, das Schreien ist dabei ein wichtiges und nützliches Signal.

Da kein Baby dem anderen gleicht, (re-) agiert jedes auf seine Weise. Während das eine geduldig am Finger saugt, bis seine Mutter ihm die Brust anbietet, schreit ein anderes aus vollem Halse, wenn es Hunger hat. Obwohl oft darauf hingewiesen wird, dass die verschiedenen »Schreitypen« sich deutlich voneinander unterscheiden würden und Mütter normalerweise schnell herausfänden, was ihrem Baby fehlt, sind Missverständnisse ganz alltäglich und keine Seltenheit. Mutter (Eltern ...) und Kind müssen einander erst kennen lernen. So einfach das klingt, werden sie bei diesem Prozess häufig gestört.

Erziehungsratgeber in Form von Elternliteratur oder »besserwissenden« Mitmenschen mischen sich ein und tragen dazu bei, dass Mütter ihre intuitiven Fähigkeiten und wertvollen Instinkte in Frage stellen. Statt z. B. so schnell wie möglich herbeizueilen, wenn ihr Neugeborenes schreit, überlegen sie, ob sie es dadurch nicht allzu sehr verwöhnten, weil ihnen geraten wurde: »Du musst dein Baby auch mal schreien lassen, damit es dich später nicht tyrannisiert!« Bei einem anspruchsvollen Baby, dessen Signale schwer zu entschlüsseln sind, können solche Ratschläge tief greifende Schäden anrichten, da ihre Befolgung genau das Gegenteil erreichen würde. So hat sich herausgestellt, dass Säuglinge, die in den ersten Lebensmonaten schnell Antwort erhalten, in den folgenden Monaten weniger schreien. Zu einem Gewöhnungseffekt kommt es erst ab dem sechsten Lebensmonat (Largo, 218).

Ich habe noch keine Mutter kennen gelernt, die das Bedürfnis hat, ihr kleines Baby schreien zu lassen. In diesem Sinne sollten Sie lernen, Ihre innere Stimme ernst zu nehmen und all den kinderfeindlichen Ratschlägen standzuhalten.

So sehr es eine Mutter danach drängt, ihr schreiendes Baby zu trösten, so rasch und intensiv kommt es zu Panikgefühlen, wenn das Schreien trotz des Einsatzes letzter Kraftreserven unvermindert anhält. Für solche Notfälle müssen Sie sich geeignete Auswege schaffen und bereithalten, damit es nicht zu (selbst-) zerstörerischen Handlungen kommt (hierzu später). Zunächst aber einige Hinweise, wie Sie den Ursachen für das Schreien Ihres Babys nachspüren können.

 

Besuch beim Kinderarzt

Seitenanfang

Zunächst ist es wichtig, Ihr Baby von einem Kinderarzt untersuchen zu lassen, um herauszufinden, ob das Schreien körperliche Ursachen haben könnte. Leider gibt es heute noch nicht sehr viele Kinderärzte, die sich eingehend mit dem Problem des übermäßig schreienden Säuglings befasst haben. Viele Eltern fühlen sich wenig oder gar nicht ernstgenommen, und in einigen Fällen wird ihnen unterstellt, am Schreien ihres Kindes schuld zu sein, da sie zu nervös seien oder es falsch behandelten. Wenn Sie die Möglichkeit haben, unter mehreren Kinderärzten zu wählen, sollten Sie davon unbedingt Gebrauch machen. Oder sprechen Sie lieber mit einem vertrauensvollen Allgemeinmediziner als mit einem verständnislosen Kinderarzt. Fragen Sie bei Hebammen, Stillgruppen, Erziehungsberatungsstellen, in Mütterzentren oder im Wartezimmer Ihres Gynäkologen nach Erfahrungen mit Kinderärzten aus der Umgebung.

Können Sie es irgendwie einrichten, suchen Sie sich eine Begleitperson für den Besuch beim Kinderarzt. Notieren Sie sich vorher Fragen, die während der Sprechstunde schnell in Vergessenheit geraten. Auch Beobachtungen könnten Sie aufschreiben wie z. B. Beschaffenheit des Stuhls, auffällige Hautausschläge in Verbindung mit der Nahrungsaufnahme usw.

Ob Sie den richtigen Arzt gewählt haben, werden Sie schnell herausfinden. Geht er zu wenig auf Ihre Fragen ein, verläuft die Untersuchung hastig und oberflächlich, greift er zu schnell nach einem Rezeptblock, fühlen Sie sich übergangen oder gar erniedrigt ... verzichten Sie lieber in Zukunft auf eine weitere Begegnung und setzen Sie Ihre Suche nach wirklicher Hilfe fort.

 

Das Führen eines Tagebuches

Seitenanfang

Damit Sie in einer Zeit voller Stress und Gefühlsverwirrungen einen klaren Einblick in das Schrei- und Schlafverhalten Ihres Babys erhalten, ist das Führen eines Tagesbuches während eines Zeitraumes von etwa sieben Tagen empfehlenswert. Für diesen Zweck wurde ein Formular entwickelt, das in speziellen »Schreisprechstunden« als Hilfsmittel dient, um herauszufinden, ob bzw. welche Rhythmen zwischen Schlafen, Wachen, Füttern ... existieren. Außerdem erfahren Sie, wie viel Ihr Baby tatsächlich insgesamt schreit und schläft. Vielleicht beobachten Sie auch Zusammenhänge zwischen äußeren Bedingungen und dem Verhalten Ihres Kindes.

Da es bisher kaum erfahrene Ansprechpartner gibt, die mit Ihnen gemeinsam die ausgefüllten Tagebuchformulare auswerten, sind Sie zunächst auf Ihre eigenen Fähigkeiten der Interpretation angewiesen. Dabei ist es wichtig, bereits vorhandene Rhythmen zu erkennen und diese durch einen klar strukturierten Tagesablauf zu unterstützen bzw. auszubauen.

Besonders problematisch kann z. B. das Füttern nach Bedarf bei einem übermäßig schreienden Baby sein. Viele Mütter berichten, dass sie bei dem ständigen Geschrei kaum noch einschätzen können, wann und ob ihr Baby Hunger hat. So lassen sie es bei jeder Gelegenheit an der Brust saugen, um sicherzugehen, dass es satt wird. Dabei kann es sein, dass ihr Baby fast rund um die Uhr an der Brust nuckelt, ohne wirklich zu trinken. Die Mutter wird zu einem lebendigen Schnuller und ist ihrem Baby völlig ausgeliefert. Hier kann es hilfreich sein, sich an gewisse Fütterungszeiten zu halten (z. B. Mindestabstand von zweieinhalb Stunden, Stilldauer 20 Minuten) und dem Baby zwischendurch einen Schnuller zum Saugen anzubieten. Vielleicht gelingt es Ihnen, die Fütterzeit zu Beginn einer Wachphase einzurichten und das Stillen (Füttern) nicht als Einschlafhilfe zu nutzen, da Ihr Baby die Nahrung im Schlaf nur schwer verdauen kann.

Die Entwicklung von wiederkehrenden Rhythmen ist auch für Sie selbst eine Hilfe, mit dem chaotischen Alltag fertig zu werden. Viele kleine Etappen und Ziele bringen eine gewisse Ordnung in die unendlich empfundene Zeit. Beobachten Sie z. B., dass ein Spaziergang am Vormittag durchaus beruhigend wirkt, während er in den Abendstunden keine entspannende Wirkung zeigt, könnten sie diesen für einen festen Zeitraum am Vormittag planen. Dabei sollten Sie darauf achten, dass möglichst viele Tätigkeiten in der gleichen Reihenfolge ablaufen (Baby wickeln, anziehen, in den Kinderwagen legen, spazieren gehen, anschließend füttern, mit ihm spielen, Ruhephase unterstützt durch Abdunkeln des Zimmers, sanftes Schaukeln in einer Hängematte, Hopsen auf einem Gymnastikball ...).

Die Einführung eines geregelten Tagesablaufes ist eine langfristig wirkende Grundlage zur Beruhigung Ihres Babys. Für die akuten Schreiphasen bieten sich eine Reihe von Beruhigungsmaßnahmen, die im Kleinen auf rhythmisch wiederkehrenden Bewegungen beruhen.

 

Die Beruhigung Ihres schreienden Babys

Seitenanfang

Sie haben es wahrscheinlich an sich selbst beobachtet, dass Sie ganz intuitiv mit schaukelnden und wippenden Bewegungen reagieren, wenn Ihr Baby schreit. Manchen Babys ist damit bereits geholfen, andere wiederum schreien unbeirrt weiter, als seien sie durch nichts zu erreichen. Hat Ihr Baby sich erst einmal in Rage geschrieen, wird sanftes Herumtragen kaum ausreichen, um es zu beruhigen. Vielmehr müssen Sie ihm auf anderen Wegen mitteilen, dass seine Erregung verstanden, d. h. widergespiegelt wird. Das wird Ihnen vielleicht gar nicht schwer fallen, da das Schreien Ihres Babys Sie ansteckt und zu raschen Bewegungen animiert. So berichten Mütter davon, dass sie mit ihrem Baby auf dem Arm einen »richtigen Affentanz« aufführten. Wer seine Hemmungen überwindet und sich experimentierfreudig zeigt, wird am besten herausfinden, auf welchem Wege sein Baby zu erreichen ist. Dabei sollten Sie allerdings bemüht sein, die »Oberhand« zu behalten, um die Erregung auffangen und in geregelte Bahnen lenken zu können.

Wer sich im Umgang mit seinem Baby von seiner Intuition leiten lässt, muss sich in Klarheit und Ehrlichkeit üben: Habe ich wirklich den Eindruck, dass ich mein Baby begreife? Oder laufe ich eher sinnlos und überdreht mit ihm herum? Ein nahe liegendes Missverständnis könnte darin bestehen, dass elterliche Nervosität bloß in hektischen Handlungen abreagiert wird, während das Baby nach ruhigen Bewegungen verlangt. Horchen Sie tief in sich hinein: Was glaube ich, braucht mein Baby jetzt wirklich? Wie kann ich das mit meinen Bedürfnissen am besten vereinbaren?

Wenn Sie offen für die feinsinnige Sprache Ihres Babys sind, spüren Sie auch, wann es einfach nur in Ruhe festgehalten werden möchte. Manch ein Baby beruhigt sich sogar besser in seinem Bettchen, nachdem es vielleicht einige Minuten geschrieen hat, um sich abzureagieren.

 

Klänge und Geräusche

Seitenanfang

In der Praxis hat sich ergeben, dass Motorengeräusche von Staubsauger oder Haarfön einen untröstlich schreienden Säugling beruhigen können. Hohe Geräusche, die an Meeresrauschen und prasselnden Regen erinnern, erreichen ein schreiendes Baby besonders leicht. Die Musiktherapeutin Gisela Lenz berichtete
u. a. von Erfolgen mit Instrumenten, die solche Geräusche nachahmen (z. B. »Regenrohr«, »Ocean-Drum«). Sie können selbst ein wenig experimentieren, indem Sie z. B. Gegenstände und Lebensmittel aus der Küche einsetzen, um Klänge und Geräusche mit hohen Frequenzen zu erzeugen: Reis, Erbsen ... in einen Kochtopf, Blech- oder Plastikdose rieseln lassen, Pappschachteln oder –röhren füllen und schütteln, mit dem Löffel an Glasschüsseln oder Trinkgläser schlagen, Verschlüsse von Flaschen und Gläsern in eine Tasche füllen und schütteln, Cellophantüten zerknüllen usw. Hierbei geht es nicht darum, ein stundenlanges Krachkonzert zu veranstalten, sondern um die Suche nach Klängen und Geräuschen, die Ihr Baby während seines Schreianfalles erreichen, um mit ihm Kontakt aufzunehmen. Hat es sein Schreien unterbrochen, können Sie Ihre Aktivitäten verlangsamen, mit ihm sprechen, singen, ruhigere Töne anstimmen und in einen gleichmäßig schwingenden Grundrhythmus übergehen: kurze, wellenförmige Melodien, die wiederholt werden, langgezogene Silben, Wörter ... Senken Sie langsam Ihre Stimme, halten Sie Ihr Baby an den Brustkorb, so dass es die Schwingungen mitsamt Herzschlag direkt aufnehmen kann.

siehe auch:
Die beruhigende Wirkung von rhythmischen Bewegungen,
Klängen und Geräuschen

 

Rhythmische Bewegungen

Seitenanfang

Sie brauchen Ihr Baby bei alledem nicht unbedingt herumzutragen. Auch hier müssen Sie selbst herausfinden, welche Aktivitäten nötig und möglich sind. Um Ihre Kräfte zu schonen, sollten Sie dabei möglichst wenig unternehmen. Mir selbst hat es geholfen, währenddessen herumzugehen oder sogar zu laufen, je nach Erregungszustand. Mit zunehmender Beruhigung meiner Tochter verringerte ich auch Tempo und Intensität meiner Aktivitäten.

Ein schaukelnder Schlafplatz wie z. B. eine Hängematte, ein aufgehängter Wäschekorb oder eine »Federwiege« bietet auch eine Möglichkeit, Ihr Baby in beruhigender Bewegung zu halten. Manche Eltern setzen sich mit ihrem Baby im Arm auf einen Gymnastikball und federn auf und ab. Sie können Ihr Baby auch auf ein Kissen betten und, falls es einschlafen sollte, mitsamt der Unterlage ablegen. Als meine Tochter gelernt hatte, auf meinem Bauch einzuschlafen, während ich sie durch rhythmische Auf- und Abbewegungen, Sprechen und Singen begleitete, legte ich mir eine Steppdecke auf den Bauch, mit der ich sie sanft herunterziehen konnte, nachdem sie eingeschlafen war.

Da viele unruhige Babys bereits durch geringste Erschütterungen geweckt werden, müssen Sie ein besonderes Feingefühl entwickeln, um fließende Übergänge zwischen den Aktivitäten zu schaffen. Hat sich die gespannte Lage insgesamt ein wenig beruhigt, sollten Sie in kleinen Schritten ausprobieren, besonders aufwendige Aktivitäten einzuschränken. Zum einen möchten Sie höchstwahrscheinlich selber wieder unabhängiger werden, zum anderen sollte Ihr Baby die Chance erhalten, seine Fähigkeiten zur Selbstberuhigung zu entwickeln. Sie werden selbst am besten merken, wann ein solcher Punkt erreicht ist.

 

Das Tragen von Säuglingen

Seitenanfang

Viele übermäßig schreiende Babys lassen sich auch dann nicht beruhigen, wenn sie von ihrer Mutter dicht am Körper gehalten und herumgetragen werden. Grundsätzlich ist das Tragen eines Säuglings empfehlenswert, es sollte aber keine Pflichtübung sein, sondern für alle Beteiligten als Entlastung erlebt werden.

Benutzen Sie z. B. Hilfsmittel wie Tragetuch, Tragebeutel oder Bauchtrage, können Sie während des Tragens einfache Arbeiten im Haushalt erledigen und sich ein wenig ablenken. Ein Tragetuch ist sehr vielseitig verwendbar, erfordert jedoch einige Übung beim Knoten und Binden, während Bauchtrage und Tragebeutel bzw . -sack leicht zu handhaben sind. Tragebeutel haben einen verstellbaren Innenteil und ermöglichen eher als die meisten Bauchtragen eine babygerechte und gesunde Körperhaltung.

Wahrscheinlich werden Sie bald herausfinden, wann Ihr Baby das Tragen genießt und zu welchen Zeiten es sich nicht dadurch beruhigen lässt. Es kann in besonders schlimmen Phasen zu einem regelrechten Wettlauf mit dem schreienden Baby kommen, so dass sich die Lage eher zuspitzt als entspannt. Versuchen Sie es dann lieber mit anderen Mitteln als Ihre Kräfte einseitig zu überfordern.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch erwähnen, dass häufig davon abgeraten wird, ein Baby herumzutragen, damit es einschläft, um eine Gewöhnung zu vermeiden. Ich habe – wie andere Eltern auch – erlebt, dass meine Tochter uns von selbst signalisierte, wann sie reif für eine »Entwöhnung« in kleinen Schritten war. Je älter sie wurde, desto weniger wollte sie getragen werden. Grundsätzlich möchte ich raten, nur so zu handeln, wie es Ihr Herz zulässt.

Siehe auch:
Ausführliches Kapitel zum Thema Tragen und Link-Tipps bei Trostreich

 

 

Weitere Möglichkeiten zur Beruhigung

Seitenanfang

Immer wieder werden Sie an den Punkt gelangen, da Ihnen die Lage aussichtslos erscheint. Es ist oft erträglicher, irgendetwas zu unternehmen als dazusitzen und sich hilflos dem Schreien ausgeliefert zu fühlen. Für solche Fälle können Sie sich eine Reihe von Maßnahmen bereithalten, die Ihrem Baby vielleicht helfen, sich zu entspannen, so sehr Sie auch den Eindruck haben, dass es kaum Linderung bringt.

Sie können Ihr Baby sanft massieren, während Sie es wickeln, an- und ausziehen, nach einem warmen Bad ... Reiben Sie Ihre Hände mit (Baby-) Öl ein und streicheln Sie seinen Bauch, nicht zu fest, aber auch nicht zu zaghaft. Probieren Sie es mit (im Uhrzeigersinn) kreisenden Bewegungen um den Bauchnabel herum, wenn es Blähungen hat. Überlegen Sie, welche Berührungen Sie selber gerne haben, und lassen Sie Ihr Baby durch Körpersprache spüren, dass es be-griffen wird.

Babys haben das natürliche Bedürfnis zu saugen, auch ohne damit verbundene Nahrungsaufnahme. Leider sind Schnuller in vielen Kreisen verpönt, obwohl ihr Gebrauch nicht schädlich ist und so manches Baby zu stillen vermag. Einige Schnullergegner gehen davon aus, dass ein Baby schreien müsse, um angestaute Spannungen abzubauen, wobei ein Schnuller die Funktion eines gefühlsunterdrückenden Stöpsels bekäme. Natürlich kann das Schreien dazu dienen, Spannungen abzubauen. Aber dies ist nur ein Aspekt unter anderen! Ich persönlich war sehr dankbar, als meine Tochter nach anfänglicher Ablehnung begann, an einem Schnuller zu saugen. Für viele Babys verliert der Schnuller im Kleinkindalter an Reiz und sie verzichten von alleine auf seinen Gebrauch. Später wird es immer leichter, einem Kind zu vermitteln, dass es auch andere Wege gibt, sich zu beruhigen.

Wenn Ihr Baby den Schnuller ablehnt, während es schreit, können Sie versuchen, ihn zuvor in Traubenzucker (nicht in Honig!) zu tauchen. Diese Anregung ist nur für den Ausnahmezustand gedacht und keine Dauerlösung. Informieren Sie sich bei Bedarf (und Gelegenheit) über geeignete Schnullerformen und ihre kindgerechte Anwendung.

In Notfällen kann es auch helfen, mit Ihrem Baby eine Autofahrt zu unternehmen. So manches Baby beruhigt sich durch die damit verbundenen Bewegungen, Vibrationen und Geräusche. Ich habe für die Anwendung der verrücktesten Mittel größtes Verständnis, da ich nichts schlimmeres in meinem Leben kennen gelernt habe als ein untröstlich schreiendes Baby!

Manche Mütter konnten ihre Babys im Kinderwagen beruhigen, wenn sie über holprige Wege, am besten mit Schotterbelag, geschoben wurden.

Von Erfolgen bei der Anwendung von Wärmflaschen und warmen Wickeln habe ich selten gehört. Einen Versuch ist es sicherlich wert.

Alle Maßnahmen, die ein Baby an die Geborgenheit im Mutterleib erinnern, wirken beruhigend. So sollten Sie auch darauf achten, dass sein Schlafplatz eine eng umschlossene Hülle bildet. In den üblichen Kinderbetten fühlt sich ein Neugeborenes meist verloren. Auch das Einwickeln in eine Decke kann helfen – oder ganz einfach die elterliche Nähe im »Familienbett«.

Siehe auch Thema Schlafen bei Trostreich

 

Medikamente

Seitenanfang

So gerne und häufig sie auch verschrieben werden, so wenig bewirken entschäumende Tropfen wie sab simplex® oder Lefax®, dass ein Baby weniger schreit. Probieren Sie es ruhig aus, erwarten Sie aber keine Wunder.

Dagegen sollten Sie auf die Anwendung von beruhigenden Medikamenten (Sedativa) besser verzichten. Zum einen, da sie gesundheitsschädigend sein können, zum anderen, da sie im Grunde nicht zur Problemlösung beitragen. Seien Sie also kritisch, wenn Ihr Kinderarzt ein Rezept für Luminaletten® oder Ila -Med® ausstellt. Auch krampflösende Präparate, sogenannte Spasmolytika, die teilweise mit beruhigenden Medikamenten kombiniert werden, sind für die Behandlung eines übermäßig schreienden Säuglings kaum geeignet.

 

Naturheilmittel

Seitenanfang

Mit pflanzlichen Präparaten wie Fenchel, Anis und Kümmel werden Sie höchstwahrscheinlich schon experimentiert haben. Separat oder miteinander kombiniert als Tee zubereitet können sie von der stillenden Mutter oder dem Baby direkt eingenommen werden. Da sie hauptsächlich gegen Blähungen wirken, die in den meisten Fällen eher Ergebnis und weniger Ursache des übermäßigen Schreiens sind, haben sie kaum Einfluss auf den Unruhezustand Ihres Babys. Dennoch berichten manche Mütter von einer positiven Wirkung, in seltenen Fällen sogar einem Verschwinden der Schreiphasen.

Eine stillende Mutter hatte Erfolg, indem sie jeden Morgen ein bis zwei Teelöffel Kümmel aß, eine andere, indem sie die Flaschennahrung mit Fenchel-Kümmel -Anis-Tee zubereitete. Auch eine Bauchmassage mit einem speziellen Öl, dem Vier-Winde-Öl half manchen Säuglingen. Das bei Blähungen und Verdauungsstörungen häufig empfohlene pflanzliche Kombinationspräparat Carminativum-Hetterich® N ist dagegen weniger für Säuglinge geeignet, da es 34 Vol.-% Alkohol enthält. Entsprechend sollten Sie bei der Gabe homöopathischer Mittel darauf achten, dass Ihr Baby sie in Form von kleinen Kügelchen (Globuli), Milchzuckerverreibungen oder Tabletten bekommt.

Eine homöopathische Behandlung bezieht sich jeweils auf den ganzen Menschen und seine Konstitution, so dass ich hier keine Mittel gegen das allgemeine »Schrei -Problem« nennen kann. Selbstverordnungen ohne Vorkenntnisse und Erfahrungen haben meist wenig Sinn. Besser wäre es, einen versierten Homöopathen um Rat zu fragen.

 

Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Allergien

Seitenanfang

Seltener als häufig angenommen sind Nahrungsmittelunverträglichkeiten schuld am Schreien eines Babys. Dennoch streichen viele stillende Mütter alle nur möglichen »Übeltäter« aus ihrem Speiseplan und befinden sich am Rande einer Hungerkur, die für alle Beteiligten eher schädliche Auswirkungen hat.

Ist Ihr Baby erblich vorbelastet, da seine Eltern oder nahe Verwandte unter Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Allergien leiden, und beobachten Sie Begleiterscheinungen wie Durchfall, Erbrechen, gehäufte Infektionen, Hautausschläge, Atemstillstand, geringe oder ausbleibende Gewichtszunahme, wäre es sinnvoll, verdächtige Nahrungsmittel für eine begrenzte Zeit aus Ihrem Speiseplan zu streichen.

Da Kuhmilch als das häufigste Nahrungsmittel gilt, das bei jungen Säuglingen zu Unverträglichkeitsreaktionen führen kann, sollten Sie zunächst alle daraus bzw. damit hergestellten Produkte für sieben bis zehn Tage meiden. Hat sich der Zustand Ihres Baby auffallend gebessert, können Sie anschließend durch gezielte Testessen ausprobieren, ob die Unruhe wieder zunimmt. Möchten Sie besonders sichergehen und möglichst viele »gefährliche« Nahrungsmittel auf ihre Verträglichkeit testen, können Sie außerdem auf Hühnereier, Nüsse, Weizen, Schokolade, Südfrüchte, blähende Gemüse und Hülsenfrüchte verzichten. Da im Grunde jedes Nahrungsmittel zu Unverträglichkeitsreaktionen führen kann, möchte ich auf die Vollständigkeit dieser Liste verzichten. Sie würden sich nur verrückt machen! Ist Ihr Verdacht begründet und naheliegend, sollten Sie ohnehin einen erfahrenen, auf Allergien spezialisierten Arzt hinzuziehen. Wertvolle Informationen erhalten Sie auch über die Arbeitsgemeinschaft Allergiekrankes Kind.

Mütter, die ihr Baby ohnehin mit der Flasche ernähren, könnten für eine begrenzte Zeit Milchnahrungen mit der Zusatzbezeichnung H.A. (hypo-allergen) füttern, deren allergenen Eigenschaften reduziert wurden. Da es hier unterschiedliche Produkte gibt, beraten Sie sich bitte mit Ihrem hoffentlich erfahrenen Kinderarzt oder Allergologen.

Beobachten Sie keine offensichtliche und anhaltende Besserung des Zustandes, sollten Sie Ihre Diäten jedoch beenden, um sich selbst, und damit Ihr Baby, nicht unnötig zu quälen!

Bekommt Ihr Baby Fluor- und/oder Vitaminpräparate, könnten Sie diese ebenfalls für eine befristete Zeit absetzen, um herauszufinden, ob es darauf überempfindlich reagiert.

 

Wenn Sie in Panik geraten

Seitenanfang

Das anhaltende Schreien eines Babys, vor allem, wenn es das eigene ist, kann Sie vollkommen aus der Bahn werfen, so dass Sie vielleicht Angst haben, Ihr Baby zu misshandeln. Diese Reaktion ist durchaus normal und, ich glaube, allen Eltern von übermäßig schreienden Babys vertraut. So sehr Sie sich auch schämen und schuldig fühlen, sollten Sie sich das Recht eingestehen, wütend und aggressiv auf das Schreien Ihres Babys reagieren zu dürfen. Schaffen Sie sich daher rechtzeitig Ventile, um Ihrem Baby keinen Schaden zuzufügen. Schlagen Sie z. B. mit zusammengerollten Zeitungen auf Tischkanten, treten Sie Gegenstände, die sich ersetzen lassen, werfen Sie Telefonbücher gegen die Wand, stampfen Sie kräftig auf, schreien Sie laut unter einer schalldämpfenden Bettdecke (falls verständnislose Nachbarn mithören) ... und verlassen Sie in brenzlichen Situationen den Raum, in dem Ihr Baby schreit, nachdem Sie es an einen (fall-) sicheren Ort gelegt haben. Es gibt häufig Notfälle, da Sie Ihr Baby besser alleine schreien lassen sollten, bevor Sie ihm etwas antun. Setzen Sie sich vielleicht Kopfhörer auf, um Musik zu hören, stellen Sie sich unter die Dusche ...

Oft entsteht das Bedürfnis, ein schreiendes Baby zu schütteln, damit es »endlich zur Besinnung kommt«. Dies könnte jedoch gesundheitsschädigende Folgen haben , besonders, wenn der Kopf dabei vor- und zurückschlägt. Wenn Sie eine Puppe haben, könnten Sie diese bereithalten und ihr alles »an den Kopf werfen«, was Sie am liebsten Ihrem Baby entgegenschreien würden.

So sehr Sie sich auch bemühen, wird es wahrscheinlich immer mal wieder vorkommen, dass Sie Ihr Baby unsanft anfassen oder anschreien. Versuchen Sie anschließend, diese Vorfälle anzunehmen, indem Sie darüber sprechen und sich bei Ihrem Kind entschuldigen. Unterdrückung von Gefühlen und das Verschweigen von hässlichen Gedanken und Taten führen viel eher dazu, dass Sie tatsächlich oder wieder gewalttätig werden: »Bellende Hunde beißen nicht!«

 

Hilfe annehmen und organisieren

Seitenanfang

Es ist leicht zu sagen, dass Sie sich von möglichst vielen Menschen helfen lassen sollten, um mit Ihrer schwierigen Situation fertig zu werden. Hilfsbereite und verständnisvolle Mitmenschen sind nicht grundsätzlich verfügbar, wenn eine überforderte Mutter an ihre Grenzen stößt. Zudem glauben viele Mütter, sie müssten Haushalt und Kinderbetreuung perfekt bewältigen, um nicht als Versagerin zu gelten.

Vielleicht hat Ihnen noch niemand gesagt, dass Sie z. Z. enorme Leistungen vollbringen, indem Sie Tag und Nacht damit beschäftigt sind, das Schreien Ihres Babys aufzufangen wie ein Stoßdämpfer, dessen Belastbarkeit nahezu unendlich auf die Probe gestellt wird. Sie bewältigen einen 24-Stunden-Job, für den Sie weder Geld noch Anerkennung erhalten. Womöglich schlagen Sie sich mit Schuldgefühlen herum, fühlen sich unfähig als Mutter, Hausfrau, Ehefrau, Schwiegertochter ... trauen sich kaum mehr aus dem Haus aus Angst, alle Welt würde sie verurteilen.

So wie Ihnen ging und geht es vielen anderen Müttern – es wird nur selten davon gesprochen! Kaum jemand ist bereit, sich mit solch schwer wiegenden und tief greifenden Krisen zu beschäftigen, es wird verdrängt, unter den Tisch gekehrt, von sich geschoben, was einen (noch?) nicht betrifft. Es ist keine Seltenheit, dass Familien und besonders Mütter mit übermäßig schreienden Babys unfreiwillig aus sozialen Zusammenhängen isoliert werden. So schwer es auch ist: Versuchen Sie, Ihr »Ausgestoßensein« als Abbild einer »Gemeinschaft« zu sehen, die in vielen Bereichen nur oberflächlich besteht, durch das Aufrechterhalten von Fassaden, Vorzeigbarem usw. Sobald einzelne Menschen ihre Schwächen nicht mehr verbergen können, werden sie gemieden. Auch mit diesem Problem sind Sie eigentlich nicht allein!

Sagen Sie sich lieber: Was habe ich noch zu verlieren? Und suchen Sie Kontakte zu Gleichgesinnten, anderen (ehemals) betroffenen Eltern, Menschen, die wie Sie erlebt haben, wie das Zusammenleben mit einem untröstlich schreienden Baby die gesamte Existenz ins Wanken bringt. Die Selbsthilfeinitiative Trostreich hilft Ihnen bei der Suche.

Anlaufstellen könnten aber auch Stillgruppen sein, Mütter- und Familienzentren, oder Sie hängen einen Zettel im Wartezimmer der Kinderarzt- oder Gynäkologenpraxis aus. Vielleicht wird in Ihrer Nähe ein Babymassagekurs angeboten, an dem Sie teilnehmen könnten (Veranstalter sind z. B. Volkshochschulen und Krankenkassen). Für Alleinerziehende, die es besonders schwer haben, bietet sich die Möglichkeit, über den Verband alleinstehender Mütter und Väter (VAMV) nach regionalen Treffpunkten zu suchen. Fragen Sie auch bei Erziehungsberatungsstellen, ob sie Antworten und Hilfen für Ihre Probleme haben. (Adressen siehe Links. Selbsthilfegruppen: NAKOS)

All diese Wege werden unter Umständen sehr mühsam sein. Am Anfang steht jedoch, dass Sie bereit sind, sich überhaupt helfen zu lassen, und wenn es nur durch gelegentliches Putzen, Aufräumen und andere Arbeiten im Haushalt geschieht. Jede Hilfe, sei sie noch so gering, kann Sie und Ihre Familie einen Schritt weiterbringen.

 

Irgendwie wird es weitergehen

Seitenanfang

Ich habe versucht, mich in dieser Informationsschrift kurz zu fassen, um Ihnen schnell und direkt konkrete Hilfen, Hinweise und Tipps anzubieten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Dass Sie sich weiterhin mit einem Berg von Fragen beschäftigen, lässt sich dabei nicht vermeiden. Verstehen Sie dieses Schreiben als »Erste-Hilfe-Broschüre«.

In dem von mir verfassten Buch Weinendes Baby – ratlose Eltern: Wie Sie sich  und Ihrem »Schrei-Baby« helfen können, München: Kösel-Verlag, 1998, finden Sie ausführliche Hinweise, Tipps und Anregungen für den Umgang mit Ihrem schreienden Baby (siehe auch: Literatur und Buchbesprechungen).

Sie werden selbst erfahren haben, dass Hilfsangebote für die Problematik des übermäßig schreienden Babys kaum existieren. Woran auch immer es liegen mag: Es ist sehr schwer, sich für dieses Thema zu engagieren, Mitmenschen, Initiativen, Behörden ... anzuregen, aus eigenem Antrieb dafür zu wirken, dass geeignete Beratungsstellen ins Leben gerufen werden. Es wäre durchaus möglich, qualifizierte Hilfe für schreigeplagte Babys und ihre Familien zu leisten, wie die von der Medizinerin Dr. M. Papoušek vorbildlich gegründete »Münchner Sprechstunde für Schreibabys« beweist. Inzwischen gibt es auch an anderen Orten ähnliche Beratungsangebote (siehe auch: Adressenliste und Links).

Meine Initiative, den Aufbau von Selbsthilfegruppen anzuregen, wird vor allem von Hilfesuchenden willkommen geheißen. Ich kann zunächst nur als Kontaktperson fungieren und entsprechend meiner Fähigkeiten und Kenntnisse Informationen sammeln, bereithalten und weitergeben. In diesem Sinne sind auch meine Kapazitäten beschränkt.

Auch Sie können anderen Eltern helfen. Berichten Sie von Ihren Erfahrungen, besonderen Erkenntnissen und Erfolgen, tragen Sie dazu bei, dass unsere Problematik zum Gesprächsthema wird! Oder stellen Sie sich als Kontaktperson für Hilfesuchende zur Verfügung, die einfach mit einem verständnisvollen Menschen sprechen möchten. So zäh unsere Unternehmungen auch anlaufen mögen – wer ein übermäßig schreiendes Baby überlebt hat, wird wissen, dass Mäuseschritte zwar klein, aber riesig in ihrer Wirkung sein können.

 

Zu mir und meinen persönlichen Erfahrungen

Aus einem Zwischenbericht (1994) für Eltern, die sich infolge von Aufrufen in diversen Elternzeitschriften an mich gewandt hatten

Seitenanfang

Jahrgang 1961, in Aachen geboren und seit dem fünften Lebensjahr in Bremen aufgewachsen, lebe ich heute auf dem Land in einem kleinen Dorf zwischen Zeven und Bremervörde. Ich studierte in Hamburg Musikwissenschaft und Pädagogik, arbeitete ehrenamtlich in Kinder- und Jugendinitiativen, als Hospitantin und freie Mitarbeiterin bei Radio Bremen, Dozentin an Volkshochschulen, unterrichtete Kinder und Erwachsene im Klavier- und Gitarrenspiel und gründete 1988 den Kompost-Verlag, dessen Name Gleichnis für alles im Leben Abfallende ist, das in der richtigen Mischung und gut verdaut Humus und damit Grundlage für neues Leben wird. Ein Jahr zuvor, im Alter von 26 Jahren, ließ ich einem bis dahin tief vergrabenen Wunsch freien Lauf und begann zu schreiben – meine Werke in Schubladen einzuordnen, ist mir bis heute nicht gelungen. Gleichzeitig komponierte ich Lieder für Kinder und Erwachsene, leichte Klavierstücke für den Unterricht und begann zu improvisieren, alleine oder gemeinsam mit meinem Mann, der hauptberuflich als freischaffender Konzertpianist tätig ist. Kurz und gut, ich bin schreibende Musikerin oder musizierende Schriftstellerin mit einem kleinen Verlag.

Am 12. Mai 1993 wurde meine Tochter Jana geboren. Die Schwangerschaft verlief unkompliziert, ich fühlte mich wohl und freute mich sehr, geduldig und ungeduldig zugleich, auf den kleinen Menschen, der mir so vertraut und dennoch fremd war. Den ersten Augenblick werde ich wohl nie vergessen, als nach neun anstrengenden und schmerzhaften Stunden ein Mädchen in meinen Arm gelegt wurde, das mich ernst und tief anschaute, als sei es schon immer auf der Welt gewesen. Fünf Tage später verließ ich glücklich und überwältigt von dem Gefühl, endlich Mutter zu sein, das Krankenhaus. Jana war gesund, schlief viel, saugte kräftig und ruhig an meiner Brust, wirkte ausgeglichen und zufrieden. Aber es dauerte nicht lange, und die ersten Probleme schlugen einen Keil in unser junges Familienglück. Plötzlich verweigerte Jana die Brust, die Wachphasen wurden länger und der Schlaf unruhig. Es steigerte sich bis zur ersten Katastrophe, als unser winziges und geliebtes Wesen nur noch schrie und bitterlich um Hilfe rief, die wir ihm nicht geben konnten, so sehr wir uns auch bemühten. (Siehe auch: Tagebuch)

Bücher, Hebammen, Ärzte, Bekannte und Verwandte wurden um Rat gefragt ... früh äußerte ich die Befürchtung, Jana könne Koliken haben, ließ mich beruhigen und redete mir ein, es seien »nur« Blähungen ... zum Glück wusste ich nicht, was uns noch erwarten würde. Es folgte ein Horrortrip durch die Wirklichkeit, vor dem uns niemand zuvor gewarnt hatte. Hilflos und allein gelassen waren wir einer ungreifbaren zerstörerischen Kraft ausgeliefert, die zu beschreiben eine schmerzhafte Herausforderung ist. Aber ich glaube, es ist lange an der Zeit, ihr ins Gesicht zu sehen und nicht länger zu verschweigen, dass es sie gibt.

Ich machte eine Erfahrung, die auch andere Mütter in ihren Briefen erwähnt haben: Eltern aus dem Bekanntenkreis sprachen kaum von negativen Erlebnissen mit ihren Kindern, bis zu dem Moment, als ich von den Qualen meiner Tochter erzählte und wie sehr diese Situation unser Leben bedrohte. Noch heute wundere ich mich über das, was ich plötzlich an schlimmen Berichten zu hören bekam.

Es macht mich unglaublich traurig, dass so viel gelogen wird, wenn es um unsere Kinder geht, die sich nicht hinter gespielten Gefühlen verbergen können und als boshaft oder schlecht gelten, wenn sie nicht den oft hochgeschraubten Erwartungen erwachsener Menschen entsprechen. Wir alle waren einmal ein solches ausgeliefertes Kind.

Eine Mutter von schreienden Zwillingen erzählte von Drohbriefen ihres Vermieters der nun schon zweiten Wohnung, nachdem sie in der ersten nicht mehr geduldet wurden. Statt die Hilferufe schreiender Kinder als Anlass zu nehmen, sich ihnen offenen Herzens zu widmen, sollen sie verbannt werden.

In der Schule ist die Judenverfolgung schon selbstverständliches Thema im Geschichtsunterricht, mit Lichterketten wird gegen Ausländerhass demonstriert – doch wenn die eigenen Kinder Probleme haben, reicht es nicht aus, auf der Windschutzscheibe seines Autos einen Aufkleber mit dem Slogan »Ein Herz für Kinder« spazieren zu fahren.

Viele Fragen haben sich in der letzten Zeit in mein Bewusstsein gedrängt, die weiter gehen, als nach der Ursache von »Koliken« bei Babys zu suchen. Mir wurde klar, dass ich mich in einem Dschungel von ungelösten Krämpfen befinde, auf die meine Tochter mich aufmerksam machte wie ein vorurteilsloses Kind an der Hand seiner Mutter auf einen Bettler zeigt, der in der Fußgängerzone auf dem Boden sitzt und ein von Hand beschriebenes Pappschild vor sich liegen hat. Nicht selten ist es den Eltern peinlich, wenn ihre Kinder die Finger so offensichtlich auf das Elend richten, welches sie alltäglich umgibt. Ich werde nie vergessen, dass ich als Kind von Erwachsenen in solchen Fällen zu hören bekam: »Man zeigt nicht mit nackten Fingern auf einen angezogenen Menschen!« Aber hintenrum wird geredet und geredet und geredet ...

Ich möchte und kann keine Forschungsarbeit leisten, will keine Statistiken errechnen oder bloße Ratschläge erteilen. Mir liegt daran, die hilfesuchenden Eltern in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken, sie zu ermutigen und die wenige Kraft, welche ihnen in der schlimmen Zeit noch bleibt, zu bewahren und nicht an zermürbende Selbstvorwürfe zu vergeuden, sich zu schützen vor Erniedrigungen durch Außenstehende, die in ihrer Dummheit nicht wissen, wie schwer wiegend sich ihre Bemerkungen auf die Seele der Leidenden auswirken. Auch für diese Menschen möge das Buch eine Hilfe sein zu lernen, wie sie tatsächlich Beistand leisten können, ohne zu verletzen.

Es fällt mir schwer, mit wenigen Worten auf den Inhalt der Briefe einzugehen und eine kleine Zusammenfassung zu schreiben. Beim Lesen ist mir so vieles vertraut gewesen, es hat mich teilweise sehr tief berührt und für einigen Wirbel in meiner Gefühlswelt gesorgt. Allen Erfahrungen gemeinsam ist wohl die unerträgliche Hilflosigkeit, das eigene geliebte und seinem Leiden ausgelieferte Kind nicht von diesen furchtbaren Qualen befreien zu können. Offen und ehrlich schrieben auch viele Frauen von Wut- und Hassgefühlen gegenüber ihrem Kind, vermischt und gefolgt von Selbstbeschuldigungen, Trauer und schlechtem Gewissen. Bemerkenswert und verbreiteten Vorurteilen widersprechend lobten die meisten Mütter den Einsatz ihres Partners. Nur wenige Väter kümmerten sich zu wenig oder gar überhaupt nicht um ihre schreienden Kinder. Auch allein erziehende Mütter schrieben mir von ihren Erfahrungen, und ich bin ihnen gegenüber voller Hochachtung. Schon zu zweit waren mein Mann und ich völlig am Ende unserer Kräfte, wie mag es da einer allein stehenden Mutter ergehen? Es scheint mir wie ein Wunder, dass sie diese lebensbedrohlichen Krisen überlebt haben!

Die Kinderärzte bekämen ein miserables Zeugnis, müsste ich ihnen in Folge der Briefe Noten erteilen. Wie immer, gibt es auch hier Ausnahmen. Bestes Mittel zur Beruhigung des schreienden Babys war bei den meisten das Herumtragen, wobei auch das nicht immer und zuverlässig half. In einigen Fällen liefen die Mütter oder Väter Treppen auf und ab (puuuh!). Kinderwagenschieben wirkte besonders »stillend«, wenn es über holprige Wege ging. Beliebt waren auch Autofahrten oder Motorengeräusche von Staubsauger und Haarfön. Probiert wurden Massagen, Umschläge, alle nur möglichen Haltungen des Babys und natürlich »Antiblähtropfen« (möchte nicht wissen, was die dafür zuständigen Firmen für einen Umsatz machen ...). Pflanzliche Präparate wurden »scharfen« schmerzstillenden oder gar beruhigenden Medikamenten (Barbituraten) vorgezogen, viele gaben ihren Kindern homöopathische Kügelchen oder Tropfen. Nur in wenigen Fällen konnten die Eltern eine Linderung der Schmerzen durch die Gabe dieser Mittel bewirken. Den berühmten Fencheltee brauche ich eigentlich nicht mehr zu erwähnen, dazu Kümmel und Anis ... Wärmflasche ... Elternbäuche als Schlafunterlage ... Schaukeln und Wippen auf einem Gymnastikball. In wenigen Fällen wurden früher oder später organische Ursachen für das Schreien des Babys gefunden: Nieren- oder Gallensteine, Harnleiterinfektionen u.ä. Eine Mutter schreibt davon, dass ihr Sohn keine Muttermilch vertragen hat und darauf mit Ausschlag und Koliken allergisch reagierte, eine rasche Besserung trat mit der Fütterung »normaler« Flaschenmilch ein (auf Kuhmilchbasis).

Stillende Frauen (das waren die meisten) stellten ihre Nahrung auf den Kopf, bis sie selber Kopf standen ...

Auf dass die Bewegung unserer Gemüter Wege durch den Dschungel findet und Spuren hinterlässt!

Jutta Riedel-Henck

   

Quellen

Seitenanfang

Largo, Remo H.: Babyjahre. Hamburg: Carlsen, 1993.

Wolke, Dieter: »Die Entwicklung und Behandlung von Schlafproblemen und exzessivem Schreien im Vorschulalter«. In: F. Petermann (Hrsg.) Verhaltenstherapie mit Kindern. München: Gerhard Röttger Verlag, 21993: 154-208. (»Links« zu D. Wolke auf der Forschungs-Seite)

 

© 2001-2012 by Jutta Riedel-Henck