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Oxytocin – das Liebeshormon

 Weltbekannter Geburtshelfer in Köln

von Antje KrÀuter

(verfasst 1998)

 

Michel Odent, SchĂŒler des Pioniers der sanften Geburt FrĂ©dĂ©rick Leboyer, referierte im April 1997 zum Thema Geburt und Stillen aus hormoneller Sicht auf dem Kongress der AFS (Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen) Bundesverband e.V. in Köln vor ca. 70 Personen, zusammengesetzt aus Hebammen, Ärzten, MĂŒttern, Stillberaterinnen, Krankenschwestern u. a.

Der französische Arzt und Geburtshelfer lebt jetzt in London und ist bekannt durch viele BĂŒcher zur natĂŒrlichen Geburt und seine Forschungen zur primĂ€ren Gesundheit (Primal Health Research). In seiner Privatklinik im französischen Pithiviers machte er jahrelang Studien zum natĂŒrlichen Geburtsverhalten des Menschen und trĂ€gt jetzt in seiner in London gegrĂŒndeten Forschungsgemeinschaft (Primal Health Research Centre) Erkenntnisse aus Studien in aller Welt ĂŒber den Zusammenhang zwischen dem Beginn des Lebens und spĂ€terer Gesundheit zusammen.

Odent möchte Menschen versammeln, die in der Lage sind, in globalen ZusammenhÀngen zu denken. Nur so könne man seine Erkenntnisse verstehen.

Ausgehend vom unmittelbaren Zusammenhang zwischen Nerven-, Hormon- und Immunsystem des Menschen (Subkortikales Nervensystem, Endokrines System und Immunsystem) stellt er die wechselseitige Beeinflussung der Gesundheit des Menschen in neuem Licht dar.1

Nach den neuen Erkenntnissen ist Gesundheit so gut wie das primĂ€re adaptive System (ein besserer, weil einfacherer Ausdruck fĂŒr die medizinischen Begriffe wie »psychoneuro-endokrinologisches System« oder »Psychoneuroimmunologie« bzw. »Immunendokrinologie«) arbeitet. Damit prĂ€gte er einen neuen Gesundheitsbegriff – Gesundheit ist demnach nicht die »Abwesenheit von Krankheit«!

Die primĂ€re Periode umfasst die Zeit im Mutterleib, wĂ€hrend und nach der Geburt sowie die frĂŒhe Kindheit. WĂ€hrend der primĂ€ren Periode erlangen die adaptiven Systeme ihre so genannte gesundheitliche Reife. Dies ist die Zeit der starken AbhĂ€ngigkeit von der Mutter.

Es ist leicht nachzuvollziehen, dass jegliches Ereignis, das in dieser Zeit stattfindet, irreversible Wirkungen zur Folge haben kann. Am Ende der primÀren Periode befÀnden wir uns in einem Grundzustand von Gesundheit, genannt primÀre Gesundheit.2

Schauen wir uns dies einmal am Beispiel der Geburt und an der Interaktion zwischen Mutter und Neugeborenem sowie dem Stillen nÀher an.

Auf dem Kongress in Köln zeigte Mr. Odent  außergewöhnlich eindrucksvolle Aufnahmen von einer GebĂ€renden in den verschiedenen Stadien des Geburtsvorgangs. Die erste Phase, die Eröffnung, dauert abhĂ€ngig von der hormonellen Lage relativ lange. In einer gemĂŒtlichen, lösend wirkenden und angstfreien Umgebung, begleitet von einer Sicherheit gebenden vertrauten Person ist jedoch ein niedriges Niveau von Adrenalin (Stresshormon) im Blut, so dass die GebĂ€rende entspannt ist wie ihre Muskeln und die Geburt beginnen kann.

In der zweiten Phase wirken die inzwischen zunehmend gebildeten Hormone Endorphin und Prolaktin, die im Hypothalamus (HirnanhangdrĂŒse), dem tieferen Teil unseres Gehirns (PrimĂ€rgehirn), produziert werden. Es ist das so genannte instinktive Gehirn, dessen Arbeit durch das Großhirn (Neocortex) gestört werden kann, was bedeutet, dass die Schwangere am besten nicht angesprochen werden sollte. Sie wird von sich aus eine Stellung bevorzugen, z. B. vorn aufgestĂŒtzt nach unten gebeugt, so dass sie wenig von ihrer Umgebung wahrnimmt. Ihre Sinnesorgane Augen und Ohren, die Eingangspforten fĂŒr das Großhirn, sind dabei quasi verschlossen. (So haben z. B. bewusste Frauen, die ihre Geburt durch Lesen vorausplanen, gerade in dieser Hinsicht Schwierigkeiten, da sie ihr Denken nun abschalten mĂŒssten!) Nimmt die GebĂ€rende wenig wahr, ist ihre GehirnaktivitĂ€t  vorteilhafterweise herabgesetzt, sie hat sich von der Welt abgegrenzt und ist »auf einem anderen Planeten«.

In der letzten Phase, der Austreibung, sollte sie ebenfalls nicht gestört werden, ihr Adrenalinspiegel ist jetzt sehr hoch, sie bevorzugt die aufrechte Stellung, hÀlt sich krampfhaft an etwas HÀngendem fest, z. B. einem Seil oder einer Schlinge, und bringt so in der aufrechten Position ihr Baby zur Welt.

Nun wird die Mutter selbst – immer noch unter dem Einfluss des aktivierenden Adrenalins – ihr Baby nehmen. Auch das Neugeborene hat noch ebensolch große Mengen Noradrenalin im Blut (mehr als ein Erwachsener bei einem Herzanfall!) und ist hellwach, seine Arme und Beine zeigen eine hohe Muskelspannung, es ist in der Lage sich festzukrallen. Ist es nicht zu hell, sind seine Augen weit geöffnet, die Pupillen sind, bedingt durch die Hormonlage, ebenfalls weit offen.

In diese faszinierenden schwarzen Augen schaut die Mutter! Als Michel Odent dieses Bild im Kongresssaal in voller GrĂ¶ĂŸe an die Bildwand projizierte, herrschte grĂ¶ĂŸte Ergriffenheit unter den Zuschauern. Vielen MĂŒttern standen TrĂ€nen in den Augen, denn sie fĂŒhlten in diesem Augenblick, wie die Liebe zum Kind ungestört entstehen kann, ja könnte! HĂ€tte man sie nicht gestört, hĂ€tte man das Licht verdunkelt, hĂ€tte nicht jemand anders das Baby sofort an sich genommen, hĂ€tte man sie nicht entmĂŒndigt und in das intimste Geschehen zwischen Mutter und Kind eingegriffen!

Was sie hier sahen und mitfĂŒhlten, lĂ€sst sich natĂŒrlich ebenfalls biologisch erklĂ€ren. Wiederum gibt es eine Interaktion zwischen Verhalten und Hormonen. Die hohen Hormonmengen an Adrenalin sind anfangs wichtig, da die Mutter hellwach ist und viel Kraft hat, um ihr Kind zu schĂŒtzen. Nehmen Sie einmal einer Affenmutter ihr gerade geborenes Junges weg! Das ist nahezu unmöglich, denn sie reagiert darauf voller AggressivitĂ€t. Doch muss das Adrenalin nach der Geburt wieder abgebaut werden, und das geschieht am besten durch das intensive Anschauen des geborenen Kindes. Die Mutter verliebt sich in ihr Kind, vor allem auch wegen der wunderschönen Augen des Babys, in die sie schaut. Dadurch wird das Liebeshormon Oxytocin freigesetzt, das z. B. auch bei der geschlechtlichen Liebe im menschlichen Blut in hoher Konzentration vorhanden ist. Es ist aber wichtig, mit welchen weiteren Hormonen zusammen das Oxytocin im menschlichen Blut kursiert. Tritt es zusammen mit Prolaktin auf, dann richtet sich die Liebe auf das Kind, ohne Anwesenheit des Prolaktins jedoch auf den Sexualpartner. Beides wird nur in einer ungestörten Umgebung möglich, in der die Mutter bzw. die Liebenden sich völlig frei und sicher fĂŒhlen, und es muss laut Michel Odent auch warm dabei sein.3

Genau in dieser Ungestörtheit nach der Geburt ist die Ablösung der Plazenta möglich: Jetzt sinkt der Adrenalinspiegel und die Mutter legt sich instinktiv, weil entspannt, hin und ĂŒberlĂ€sst dem Kind die Brust, nach der es sucht und wegen seines Hormongehalts aktiv daran saugen kann. Das Kolostrum wird fließen, denn  Adrenalin behindert nicht mehr das milchproduzierende Hormon Prolaktin und das milchspendende und wehenfördernde Oxytocin. Im Gegenteil, das Hormon Prolaktin ist bereits wegen den die Schmerzanpassungsreaktionen herausfordernden Geburtsschmerzen in höherer Konzentration im Blut. Die Schmerzen regen die Produktion körpereigener Beta-Endorphine an (das sind körpereigene Schmerzmittel), die wiederum Voraussetzung fĂŒr die Prolaktin-Produktion sind. Vor allem stimulieren sie die Prolaktin-Rezeptoren in der Brust. Hat eine Frau bereits ein Kind geboren und gestillt, sind diese schon genĂŒgend stimuliert und der Effekt der Endorphine nicht ganz so bedeutungsvoll. Endorphine haben aber weitergehende Wirkungen, wie wir noch sehen werden.

Der Adrenalinspiegel ist ganz gesunken, nachdem die Plazenta ausgestoßen wurde. Die Nabelschnur bleibt mindestens so lange als Verbindung bestehen, bis sie vollstĂ€ndig ausgeblutet ist und sich dadurch im Kind genĂŒgend Eisenreserven fĂŒr das erste halbe Jahr angesammelt haben.4

Auch das Baby wird sich allmĂ€hlich mĂŒdesaugen und seinen Noradrenalinspiegel dabei immer mehr abbauen. Es hat beide Liebeshormone mit der Muttermilch eingesogen und mit dem Anblick, dem Geruch und dem vertrauten Herzschlag seiner Mutter verbunden. Die nach der großen Anstrengung der Geburt bei Mutter und Kind vorhandenen Endorphine lösen Wohlbefinden und damit AbhĂ€ngigkeiten und Gewohnheiten aus (es sind morphinĂ€hnliche Stoffe)1; also die AbhĂ€ngigkeit, die das Baby fĂŒr sein Weiterleben am allermeisten braucht: die AbhĂ€ngigkeit von der Mutter.

Da Endorphine schon wĂ€hrend der Wehen vorhanden sind und dadurch den Prolaktininhibitor blockieren, wodurch sich Prolaktin im Blut der Mutter anreichert, reifen bereits die Lungen des ungeborenen Kindes und werden auf seinen Eintritt in die AtmosphĂ€re vorbereitet. So erklĂ€rt man sich auch die Atemschwierigkeiten bei Kaiserschnittentbindungen ohne ausreichende WehentĂ€tigkeit. UngefĂ€hr zwei Stunden nach der Geburt arbeitet bei der vorher ungestört instinktiv handelnden Frau das Großhirn wieder, ihr Verstand bestimmt nunmehr vorrangig ihre Handlungen. Unter diesen gĂŒnstigen natĂŒrlichen Verhaltensweisen ist das Allerwichtigste bereits geschehen: Zwischen Mutter und Kind ist eine vollstĂ€ndige Bindung zustande gekommen. Die Liebe hat gesiegt.

Der Zusammenhang der oben erwĂ€hnten drei adaptiven Systeme wird hier anschaulich; bestimmten vorerst Hormonsystem und Sinnesorgane den Lebensanfang des neuen ErdenbĂŒrgers, beginnt sich nun auch das dritte im Bunde, das Immunsystem einzustellen: Das Baby konnte durch das Saugen des Kolostrums an der mĂŒtterlichen Brust seinen vorerst keimfreien Darm mit den mĂŒtterlichen Keimen und den dazu passenden Abwehrstoffen anreichern. Auch daran wird deutlich: Mutter und Kind gehören von Anfang an eng zusammen, denn es gilt die Regel: Wenn eine FlĂ€che keimfrei ist, beherrschen die ersten Keime diese FlĂ€che. ErhĂ€lt das Baby andere Nahrung oder einen Nuckel mit fremden Keimen, hat es dagegen keinen ausreichenden Schutz. (Hier gibt Michel Odent eine mögliche ErklĂ€rung fĂŒr die hĂ€ufig beim Baby auftretenden Koliken – so etwas gab es frĂŒher auf Grund der vorherrschenden Hausgeburten scheinbar nicht. Dort erhielt das Baby keine Glucoseflaschen und fremde Nuckel und hatte ĂŒber die Muttermilch alle Abwehrstoffe fĂŒr die der mĂŒtterlichen Umgebung entstammenden Bakterien.)

Ist das enge Band der Liebe durch das altruistisch wirkende Hormon Oxytocin erst einmal geknĂŒpft, wird in Zukunft auch das Stillen funktionieren und die Mutter stets bereit sein, auf die Signale, die ihr Baby aussendet, zu reagieren. Weil sie liebt, kann sie Opfer bringen, denn sie muss nun rund um die Uhr den neuen ErdenbĂŒrger begleiten. Schon ein GefĂŒhl des Alleinseins wird dem Baby einen Kontakt- oder Suchruf entlocken und, falls dieser nicht beantwortet wird, in ein Schreien ĂŒbergehen 5. Bei der Mutter, die nun sensibilisiert ist fĂŒr die Sprache ihres Babys, löst jeder Kummer des Neugeborenen Stress aus, wobei wieder Adrenalin ausgeschĂŒttet wird, das sie nur abbauen kann, wenn sie ihr Kind ansieht und berĂŒhrt, an ihrem Körper hat, stillt und trĂ€gt, bis das Kind zufrieden ist. Der Milchfluss wird durch das Liebeshormon Oxytocin hervorgerufen, das sich durch das Anschauen des Kindes nur in einer sicheren AtmosphĂ€re bildet. Gleichzeitig sinkt der Adrenalinspiegel, und Entspannung bewirkt die verstĂ€rkte Produktion des milchbildenden Hormons Prolaktin. So wird bereits wĂ€hrend des Stillens neue Milch gebildet. Das Prolaktin wirkt beruhigend und lĂ€sst die Mutter die unendliche FĂŒrsorge und Geduld aufbringen, die das Kind in den ersten Lebensmonaten so dringend benötigt.

Vielleicht wird hier klar, wie viel leichter es eine stillende Mutter gegenĂŒber einer Nichtstillenden hat, da die körpereigenen Hormone sie maßgeblich beim Bemuttern unterstĂŒtzen 6,7,8. Trotzdem benötigt die Mutter das GefĂŒhl der Sicherheit bei der Geburt und beim Stillen, das durch Überlegungen und Vorhaben des Verstandes, also durch Einwirkungen des Großhirns erheblich gestört werden kann.

 

Bei der Betrachtung der ungestörten instinktiven Geburt des Menschen und des ungestörten Stillens als Voraussetzung fĂŒr das weitere optimale Funktionieren der Mutter-Kind-Beziehung sind wir an dem philosophischen Punkt angekommen, wo wir vielleicht die Rolle des Menschen als Zerstörer der ursprĂŒnglich intakten und völlig optimal eingerichteten Erde, der Biozönose, verstehen. Kein anderes Lebewesen als der Mensch vernichtet absichtlich die Existenzgrundlage seines Lebensraumes!

Doch wir Menschen fangen schon bei der Geburt damit an (!):

Zu allen Zeiten und in nahezu allen menschlichen Kulturen wurde die wichtigste Bindungsphase zwischen Mutter und Kind – das In-die-Augen-Schauen – durch zahlreiche kulturelle oder Geburtspraktiken verhindert. Durch Rituale, Glaubensrichtlinien, schnelle Abnabelung, schnelle Taufe, sofortiges EintrĂ€ufeln von Augentropfen, Ohrdurchstechen fĂŒr Ohrringe bei MĂ€dchen, durch Übergabe des Neugeborenen an den StammeshĂ€uptling oder eine wichtige weibliche Person, an die Hebamme, den Arzt und die Krankenschwester wurden und werden Mutter und Baby voneinander abgelenkt – zumindest fĂŒhlt sich die junge Mutter nicht ungestört. So gut sich die Teilnahme der VĂ€ter bei der Geburt eingebĂŒrgert hat, mĂŒssten doch wohl die AblĂ€ufe noch einmal ĂŒberdacht werden, damit die Mutter eine sichere Bindung zum Kind aufbauen kann. Auch etwas spĂ€ter wĂ€re noch genug Zeit, in der sich der Vater zu der Zweierbeziehung gesellt 3 .

Doch wo auf der Welt sind solche Geburtspraktiken möglich? Kulturen, die die Gemeinschaft von Mutter und Kind nach der Geburt nicht verneinen, sind inzwischen verschwunden. Es betraf vor allem das Zentrum von Afrika und den Amazonasraum. Diese Kulturen lebten in Harmonie mit dem Ökosystem, mit Respekt vor der Mutter Erde. Alle anderen Kulturen mit Trennungsbestrebungen von Mutter und Kind in den ersten Geburtsminuten zerstören die Erde, sie beherrschen die Natur durch ihre Zivilisation. Sie halten die Kontrolle der Erde fĂŒr vorteilhafter als den Respekt vor ihr. Diese Kulturen entwickelten FĂ€higkeiten, Leben zu vernichten, und trugen zur Vernichtung der angepassten friedlichen Kulturen bei. In persönlichen Beziehungen zwischen Eltern und Kind herrschen ebenso kontrollierende Verhaltensweisen vor 9. Wollen wir diese Aggressionspotenziale vermindern, mĂŒssen wir die erste Phase des Menschen fördern und damit seine LiebesfĂ€higkeit! Sonst wird der Mensch weiter unseren Planeten zerstören.

 

So ist die Situation in unserer Welt. Man könnte meinen, diese ZusammenhĂ€nge mĂŒssten nur stĂ€rker erforscht und publiziert werden, um die Welt zu verbessern.

In der medizinischen, wirtschaftlichen und politischen Praxis sieht das aber gar nicht danach aus. Hier ist man bestrebt, so viel wie möglich kĂŒnstlich zu regulieren. Man hat z. B. die Wirkung des Oxytocin als Wehenbeschleuniger erkannt und als milchflussanregendes Mittel eingefĂŒhrt, doch werden die Sinnesorgane und das Gehirn dabei nicht tangiert, so dass die körpereigene Produktion des Oxytocins erschwert, vor allem aber das Entstehen der Liebe zwischen Mutter und Kind verhindert wird. Außerdem wird das Oxytocin auf natĂŒrlichem Wege pulsierend gebildet, bei kĂŒnstlicher Anwendung durch den Wehentropf meist kontinuierlich.

So wies z. B. Kriebel 1987 nach, dass Schafe, die mittels PeridunalanĂ€sthesie entbunden wurden und einen Oxytocintropf bekamen, weder ihr Junges saugen ließen noch mĂŒtterliche Verhaltensweisen zeigten. Allerdings kann sich eine menschliche Mutter besser auf ihr Kind einstellen, da sie weiß, dass sie Mutter wird.

Auch die oft in Kliniken ĂŒbliche Gabe schmerzhemmender Mittel unter der Geburt verhindert die Produktion körpereigener Endorphine mit der bereits dargestellten Kettenreaktion!

Wenn man bedenkt, dass  lt. Mr. Odent in den USA derzeit 50 % der Geburten mit PeridunalanĂ€sthesie durchgefĂŒhrt werden, so drĂ€ngt sich Goethes Moral der Geschichte des »Zauberlehrlings« auf: »Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.«

Verlust der LiebesfĂ€higkeit einer ganzen neuen Generation? Und Verlust der primĂ€ren gesundheitlichen Voraussetzungen, denn dafĂŒr sind intakte Mutter-Kind-Beziehungen notwendig. Zumindest werden MĂŒtter, die selbst nicht gestillt wurden, erheblich mehr Schwierigkeiten auf diesen Gebieten bekommen, wie die Erfahrung bereits gezeigt hat.

Schon 1920 stellte man in SĂŒdafrika fest, dass das Chloroform, welches unter der Geburt zum Einatmen gegeben wurde, eine Störung mĂŒtterlichen Verhaltens nach sich zog. Ausschalten des Geburtsschmerzes behindert eben das Bemuttern.

Michel Odent sammelt und publiziert in seinem Forschungszentrum fĂŒr Perinatalmedizin bzw. PrimĂ€rgesundheit in London wissenschaftliche Studien zu Themen, die zeigen, dass der Lebensanfang, die Perinatalzeit, prĂ€gende Auswirkungen auf die Gesundheit und das Verhalten der Menschen hat.

Die in »British medical« 1990 veröffentlichte Studie des Schweden Jacobson zu möglichen Ursachen des Drogenkonsums Jugendlicher war ausgezeichnet angelegt: Es wurden 200 drogenabhĂ€ngige Jugendliche sowie 200 nicht sĂŒchtige Geschwister dieser AbhĂ€ngigen darauf untersucht, ob ihre MĂŒtter unter der Geburt Opiate erhalten hatten. Dabei wurde eine Verbindung zwischen Lachgas und spĂ€terer DrogenabhĂ€ngigkeit signifikant festgestellt. Die Studie wurde dem schwedischen ethischen Komitee vorgelegt 10.

1991 hat die japanische Ärztin Hattori autistische Kinder auf ihre Vorgeschichte hinsichtlich Krankenhausgeburten untersucht. Sie stellte fest, dass gerade bei diesen Kindern die Geburt eine Woche vor Termin eingeleitet wurde unter Verwendung von Valium oder Gas 11. Daraufhin wurde ihr von ihrer UniversitĂ€t gekĂŒndigt! 1998 wird in Tokio die erste »Primal health«-Konferenz stattfinden, um weitere Gemeinsamkeiten zwischen Geburt und spĂ€terem Leben aufzudecken.

In seinem Buch »Von Geburt an gesund« erklĂ€rt Michel Odent den Zusammenhang zwischen unzulĂ€nglichen Startbedingungen der Neugeborenen und den Zivilisationskrankheiten wie z. B. Krebs, Neurodermitis, Asthma, Herzinfarkt, SĂŒchten, Zuckerkrankheit, Depressionen u. v. m. Wie man den Thermostaten einer Heizung richtig einstellt, damit die Heizung spĂ€ter ordnungsgemĂ€ĂŸ arbeiten kann, so stellen sich die adaptiven Systeme in der perinatalen Zeit ein. Treten dabei Störungen auf wie z. B. Angst des Neugeborenen, wenn es fern von der Mutter ist und vielleicht noch durch fremde Personen untersucht wird, wie es meist bei Klinikentbindungen der Fall ist, oder es auf sein Schreien keine Antwort bekommt, dann gerĂ€t es unter Stress bis hin zu Panik bzw. TodesĂ€ngsten. Nicht umsonst haben Menschen die Begriffe geprĂ€gt wie »um sein Leben schreien«, »sich die Seele aus dem Leib schreien«. In diesen Situationen ist sehr viel Adrenalin im Blut, Stresshormone, die nur in Anwesenheit der vertrauten Stimme und des vertrauten Herzschlags der Mutter vollstĂ€ndig abgebaut werden können. Sind sie nun im ungĂŒnstigen Fall lange erhöht, stellen sich alle anderen Systeme darauf ein. Der kleine Körper bewertet diese Situation im neuen Leben als das »Normale«, so dass dadurch gleichsam eine »PrĂ€gung« des gesamten Stoffwechsels entstehen kann.

Michel Odent hebt hierbei besonders einen dauerhaft zu niedrigen Prostaglandine I- Spiegel hervor, was die Zivilisationskrankheiten begĂŒnstigt.

Die Menschen in den Zivilisationen haben tendenziell weniger gesundheitsfördernde Hormone wie Endorphine, was das Entgleisen ihrer Körperfunktionen begĂŒnstigt.

Die Kulturen in der Zivilisation sind ĂŒberaltert und dekadent, Krankheiten wie Herzinfarkt, Diabetes, Psychosen und Depressionen, PerversitĂ€ten nehmen ĂŒberhand – sie sind aufgerufen, ihre Mutter-Kind-Beziehungen zu ĂŒberdenken.

Darin liegt aber gerade das Problem: Weil die Kindheit ĂŒberschattet war mit bedrohlichen TrennungsĂ€ngsten, Ängsten vor Liebesverlust ihrer engen Bezugspersonen, fĂ€llt es diesen Menschen besonders schwer, die Situation zu erkennen und VerĂ€nderungen zuzulassen. Denn der einzige Schutz, diesen Schmerz als Erwachsener niemals wieder zu spĂŒren, ist die VerdrĂ€ngung (verhaltensbiologisch als Denkhemmung bezeichnet 12) und das Nicht-wahr- haben-Wollen unserer Lage in dieser Welt. Die Welt ist vom Liebesverlust bedroht!

Was können wir tun? Gerade in der heutigen Zeit sind eigentlich auch die Voraussetzungen fĂŒr eine bewusste Erkennung dieser GesetzmĂ€ĂŸigkeiten gegeben, und begonnen werden kann damit, dass die Menschen lernen, bewusst entspannungsförderndes Verhalten in ihren Alltag zu integrieren 1. Das fĂ€llt vielen umso schwerer, je mehr sie davon geprĂ€gt wurden, sich durch Leistung und Aufopferung Liebe verdienen zu mĂŒssen. Um seiner selbst Willen geliebt zu werden, ist den meisten ziemlich unbekannt 13. Hier helfen entsprechende Seminare und Therapien, Massagen, Lachen, Pflege des eigenen Gesangs und der KreativitĂ€t in kĂŒnstlerischen Bereichen, vernĂŒnftige sportliche BetĂ€tigung 1, das Erlernen von Entspannungstechniken und Aufarbeiten der eigenen Kindheit noch vor der eigenen Familienplanung, um Fehler, die im Elternhaus oft unwissentlich und völlig unbeabsichtigt gemacht wurden, nicht zu wiederholen 14.

Helfen wir uns bei diesem anspruchsvollen, aber lebensnotwendigen Weg gegenseitig!

 

    Die Autorin:

    Antje KrÀuter, Mutter von drei Kindern, Dipl. Psychologin, Stillberaterin, seit
    20 Jahren intensive BeschĂ€ftigung mit dem Studium der frĂŒhen Kindheit sowie reichhaltige praktische Erfahrung in der MĂŒtterberatung und Kursleitung.
    Ihr Angebot umfasst VortrĂ€ge und Kurse fĂŒr Entbindungskliniken und werdende Eltern und Angehörige sowie Sprechstunden zu folgenden Themen: Babyschreien und Schlafprobleme, Stillfragen und Essstörungen, Entwicklungsfragen und Erziehungsschwierigkeiten bei SĂ€uglingen und Kleinkindern.
    Außerdem Entspannungsangebote fĂŒr gestresste MĂŒtter und Schwangere sowie Kurs der Krankenkassen "Stressfrei ins FamilienglĂŒck" fĂŒr werdende Eltern.

     

    Kontaktadresse:

    Antje KrÀuter
    Gartenstadt 12
    09128 Chemnitz
    Tel. und Fax: (03 71) 77 25 51
    E-Mail: antje.kraeuter@t-online.de

 

    Literatur:

  1. Odent, Michel (1989) Von Geburt an gesund. MĂŒnchen: Kösel.
     
  2. Odent, Michel (1994) Primal Health Research. Vol.Nr.4, Primal Health Research Centre, London.
     
  3. Odent, Michel (1994) Geburt und Stillen. MĂŒnchen: Beck’sche Reihe.
     
  4. La Leche Liga : Handbuch fĂŒr die stillende Mutter.
     
  5. Hassenstein, B. (1979) Biologisch bedeutsame VorgÀnge in den ersten Lebenswochen. In: Geburtshilfe und Kinderheilkunde, Symposium Bad Kreuznach.
     
  6. La Leche Liga – Merkblatt „Die besondere Beziehung der stillenden Mutter zu ihrem Kind“.
     
  7. Newton, N. (1973). Interrelationships between sexual responsiveness, birth and breastfeeding behavior. Critical Issues in Contemporary Sexual Behavior. (Ed. Sublin, J.) Johns Hopkins Press.
     
  8. Pederson, C. A. & Prange, J. R. (1979). Induction of maternal behavior in virgin rats after intracerebroventricular administration of oxytocin. Proc. Natl. CAD: Sci. USA, 76.6661.
     
  9. Gordon, Th. (1989). Die neue Familienkonferenz. MĂŒnchen: Heyne.
     
  10. Jacobson, B.; Nyber, K.; Grönlabh, L. et al.(1990). Opiate addiction in adult offspring through possible imprinting after obstetric treatment. BMJ 1990, Vol.301, 19067-70.
     
  11. Hattori, R. et al. (1991). Autistic and developmental disorders after general anesthetic delivery. Lancet, June 1, 337, 1357-8.
     
  12. Hassenstein, B. (1987). Verhaltensbiologie des Kindes. MĂŒnchen: Piper.
     
  13. Jaschke, H. Böse Kinder – böse Eltern?. Edition Psychologie und PĂ€dagogik bei GrĂŒnewald.
     
  14. Daco, P. (1997). Psychologie fĂŒr jedermann. Landsberg am Lech: mvg-Verlag.

 

© 2003 Antje KrĂ€uter 

 

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siehe auch Rezension von Im Einklang mit der Natur, August 2004

 

Links:

Katja Baumgarten: »Die Zukunft der LiebesfÀhigkeit«

 

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